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Ab 1949

englisch-deutscher Schüleraustausch

zwischen der

North London Collegiate School

und dem

Goethe-Gymnasium Ludwigsburg

 

              

 

 

 

 

(mit Jenny Heymann, 4. von links)

 „Die Erinnerung an dieses einzigartige Erlebnis,

das uns so unverdient zuteil wurde,

wird uns unser ganzes Leben begleiten.“

 

 „Our parents probably wondered what they had let us in for - whether we would be welcome so soon after the war or have a rather chilly reception - even though the German girls had already been to stay with us and we had had a chance to get to know them. However, my recollection is of a warm welcome everywhere, and of people making a big effort to make our stay enjoyable and memorable.”

Begründerinnen des Austauschs

 

   

Caroline Senator

(1896 – 1994)

Jenny Heymann

(1890 – 1996)

 

Brückenschlag Ludwigsburg – London

 

Miss Senator, wir alle nannten sie Sennie, entstammte einer aus Polen eingewanderten jüdischen Familie. Sie wurde 1896 in London geboren. Dank ihrer außerordentlichen Intelligenz bekam sie eine Freistelle an der altehrwürdigen Burlington School und an der Londoner Universität. Sie beendete dort ihre Ausbildung mit höchster Auszeichnung. Ihre erste und letzte Stelle hatte sie an der North London Collegiate School. Dort begann sie 1919 als Referendarin und verließ die Schule 39 Jahre später als „Head of Department”, als Fachbereichsleiterin also, „Big White Chief” genannt.

Nachdem sie sich zur Ruhe gesetzt hatte, beauftragte die Schulleitung einen Künstler, sie zu malen. Mit dieser Ehrung und der Feier anlässlich ihres Todes stattete die Schule Sennie ihren Dank und ihre Verehrung ab. Sie ist unvergessen.Siesagte mir einmal, sie brauche zwei Wochen nach Schuljahresende, um sich zu erholen. Dies beweist ihren enormen Einsatz (so üblich bei den Lehrerinnen der North London Collegiate School) und ihre Sensibilität. Sie reichte von zartem Einfühlungsver-mögen bis zu unvorgesehenen Zornausbrüchen.

Die Schülerinnen akzeptieren ihre Autorität (keine hätte je gewagt zu einer Unterrichtsstunde zu spät zu kommen) und wir alle liebten sie. Sennie unterrichtete Fremdsprachen: Französisch und Deutsch, gelegentlich auch Italienisch. Sie war bis zu ihrem Tode (1994) vertraut und verbunden mit dem kulturellen und politischen Geschehen in Deutschland (vermutlich auch in Frankreich) und hielt die beiden Sprachen lebendig über die Literatur. ...

Es geht um Frau Jenny Heymann, eine wirkliche Brückenbauerin. Wir sehen sie zunächst während des zweiten Weltkrieges in England. Dorthin war sie 1939 mit ihren Eltern geflüchtet. Sie war - wie Sennie - Jüdin. Mit Putzen und Nachhilfestunden verdiente sie ihren Lebensunterhalt in England. Ihr Interesse und ihre Kraft galten anderen aus Deutschland emigrierten Glaubensgenossen. Bei diesem Einsatz begegnete sie Sennie und die beiden wurden Freunde. 1947 kehrte Frau Heymann - wie schon gesagt - nach Deutschland zurück und nahm am Goethe-Gymnasium ihre Lehrtätigkeit wieder auf.

Nun wurde der von den beiden jüdischen Freundinnen entwickelte Gedanke eines Schüleraustausches realisiert. In Stuttgart arbeitete Frau Heymann mit in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit zusammen. Für ihren Einsatz dort (zeitweilig war sie Geschäftsführerin gewesen) erhielt sie im Alter von 99Jahren die Otto-Hirsch-Medaille. Jenny Heymann wurde 105 Jahre alt (gepflegt von einer North Londonerin, einer ehemaligen Schülerin Sennies).

In der Traueranzeige wurden (in ihrem Sinne) anstelle von Blumen Spenden erbeten für den Verein „für Förderung der Partnerschaft mit Völkern der dritten Welt”.

Ein Rückblick auf den Lebensweg Frau Heymanns hilft zu verstehen, warum sie sich für die Versöhnung unterschiedlicher Einstellungen und Einrichtungen eingesetzt hat.

Jenny Heymann, 1890 geboren, wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus in Stuttgart auf. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin am Seminar des Katharinenstifts unterrichtete sie an verschiedenen Schulen. Den Zugang zur Realschule, dem heutigen Gymnasium, erwarb sie sich durch ein Studium. So kam sie 1929 an die Schule, die seit einem Jahr von Dr. Kranz geleitet wurde. Die beiden durchstanden als Freundinnen den Beginn des Dritten Reiches, obwohl diese Freundschaft mit ein Grund für die Entlassung von Dr. Kranz aus denn Schuldienst war. Vorangegangen war Frau Heymanns Entfernung aus dem Schuldienst 1933. Noch konnte sie arbeiten. Sie unterrichtete jüdische Schüler im Landschulheim Herrlingen bei Ulm. 1939 war ihr Bleiben in Deutschland zu Ende. Sie selbst entkam, doch verlor sie Freunde und Verwandte, die das Land nicht verlassen hatten. Die Ausgrenzung veranlasste sie, ihre jüdische Identität zu überdenken und aufzunehmen. Ohne Bitterkeit und Hass begann sie, Brücken zu bauen zwischen Völkern, Rassen und Religionen.

(Aus einem Vortrag von Ruth Schmidt, gehalten am 7. Dezember 1999 an der Volkshochschule Ludwigsburg, S.3-5)

Fräulein Heymann ... eine deutsche Jüdin kam zu uns aus der Emigration. Sie sprach nicht über die Vergangenheit und ihre Erlebnisse. Sie versuchte nicht, uns „umzuerziehen”, sie versuchte uns überhaupt nicht zu erziehen. Sie lebte in der englischen Sprache und Literatur ebenso wie in der deutschen Literatur, und sie ließ uns daran teilnehmen, an Shakespeare, Hölderlin, Goethe. Von vielen unvergesslichen Stunden wird mir eine am unvergesslichsten bleiben. Es war eine Nachmittagsstunde, die Schlussbesprechung der „Iphigenie“. Ein ganz normaler Werktagnachmittag, etwas trübe und grau. Das Klassenzimmer mit den uralten, riesigen festgeschraubten Bänken, frontal aufgestellt, ebenso trübe und müde von vielen Schulgenerationen. Von meiner Bank aus konnte ich ein Stück Himmel sehen. Fräulein Heymann sprach von dem Wagnis, das Iphigenie eingegangen war und das ganz anders hätte ausgehen können, als es ausgegangen war. Ich kann nicht so sprechen, wie Fräulein Heymann es damals tat, ich habe auch die Worte nicht ganz genau behalten. Aber ich wusste auf einmal und spürte gleichzeitig, dass die ganze Klasse es auch wusste, dass es sich lohnen würde, für Wahrheit und Menschlichkeit das Wagnis des Lebens einzugehen. Es war ganz still im Klassenzimmer. Das Stück Himmel vor dem Fenster war erleuchtet von einem hellen, rötlichen Abendschein.

Erinnerungen von Margarete Dörr an Jenny Heymann

(Aus: Goethe-Gymnasium Ludwigsburg – Festschrift zur Hundert-Jahr-Feier, 1982 S.84)

 Partnerinnen des ersten Austausches

 1949                                                               2009

 

   
 Inge Haussmann und Patricia Erskine  Inge Haussmann

 Auszüge aus einem Brief von Inge Haussmann an ihre Eltern (24.10.1949):

... Ich denke, es wäre jetzt Zeit, dass Vati zur Direktorin (Dr. Kranz) geht und sich bedankt und einen schönen Gruß ausrichtet, es geht uns allen sehr gut und wir denken mit Wehmut an unseren alten Klapperkasten von Schule, wenn wir dieses schöne Gebäude hier sehen.

... Die Klassen sind kleiner als unsere. Ich habe das Gefühl, dass diese Mädchen gerner zur Schule gehen. Bei uns ist es immer nur eine Aufregung von einer Klassenarbeit zur anderen.

... Die Rektorin (Dr. Anderson) ist sehr nett, ziemlich jung für diesen Posten. Sie kann kein Deutsch, aber man versteht ihr Englisch sehr gut. Wenn die Mädel unter sich so schnell sprechen, verstehe ich kein Wort, aber when they speak to me und etwas langsamer, verstehe ich sie ganz anständig. I can make myself understood, of course there sind Fehler drin.

 

Frl. Feser und Dr. Anderson

... Eben sagt Mrs. Erskin, dass ich meiner Mutter sagen soll, they are enjoying my visit and are glad to have me here, und sie danke sehr für das nette Deckele. Patricia fand das Tässchen sehr nett. Die Schule ist wundervoll. Fabelhafte Spezialräume.

 ... Dann war eine Stunde of current affairs, wo wir das englische und deutsche Schulwesen verglichen. Dann gab es Milch, eisgekühlt. Ich glaube, die englische Vollmilch ist besser als die deutsche, oder tun sie noch etwas Rahm hinein? Es schmeckt herrlich.

 Auszug aus einem Brief von Frau Haussmann an ihre Tochter Inge (24. 10. 1949):

 ... Frau Direktor (Dr. Kranz) hat sich sehr um eure Reise gesorgt, sie sei die Nacht von Dienstag auf Mittwoch nicht ins Bett, sondern habe eure Reise anhand von Karten die ganze Nacht verfolgt. Also, schreibe ihr bloß bald.

 

   

 Mrs. Erskine mit Inge                                            Patricia mit Frau Haussmann

 Frau Haussmann in einem Gespräch im Februar 2009:

 „ Der Austausch hat mein Leben insofern beeinflusst: Ich habe nach dem Abitur Englisch studiert und die Familie Erskine war mein dauerhafter Stützpunkt in England. Nach dem Tod von Patricia (sie starb bei einem Verkehrsunfall) betrachtete mich die Familie als Ersatztochter. Ich besuchte sie viele Male, zuletzt anlässlich des 80. Geburtstags sowohl von Mr. als auch von Mrs. Erskine.

Auch war ich häufig Gast von Miss Senator in den Jahren nach dem Austausch. Ich hatte ebenfalls regelmäßig Kontakt zu Frau Heymann und war zu deren 100. Geburtstag eingeladen.

 

 Miss Senator (links) Familie Haußmann

und Miss Hawley (rechts) (1952)

Partnerinnen des ersten Austausches

 1949  1992
 Adelheid Paret und Valerie Munro  Valerie Munro und Adelheid Paret

 Auszüge aus dem Reisebericht von Valerie Munro (1950):

 … Bretzeln have a shiny, salty crust and are not sweet. They are meant to represent someone at prayer.

… The tea was very weak.

… It was a big, red, modern omnibus with seats to put in the gangway. We passed through Markgröningen, famous for its timbered Rathaus, many of the other houses were timbered, too. Miss Paneth said only the richer peasants have horses, the others use oxen.

… We all bought the book ‘Kloster Maulbronn’. We drove home singing in either German or English. The German girls became very expert in the chorus of Polly Wolly Doodle! We came through woods of straight tall trees and more fields. They still hunt wild boar here, we were told.

… One thing which surprised and pleased me was the charming

neat garden with (I think) red tulips in bloom which we passed in Mannheim. They were so unexpected in the midst of the ruins of the city. Very little has been done to clear up the bomb damage anywhere, it looks as if it had been done five days, not five years, ago.

… Frau Paret has just shown me how Spätzle are made. Dough is rubbed with a piece of cardboard off a board into hot water. A Schwabisch housewife must be able to do it finely.

… The numbers of the cars have A, B or F for the zone, then underneath a letter for the region (W. for Württemberg, R. for Rhine etc.), a number for the town (we think 24 for Stuttgart), then the number of the car. e.g. A

W 24. 1234

 … everything is dear, but only chocolate seems exorbitant. Few women wear make-up and none looks really smart.

Auszüge aus dem Reisebericht von Adelheid Paret (1949):

 … Am Dienstag Nachmittag um ½ 3 Uhr trafen wir uns auf dem Bahnhof in Ludwigsburg. Einige Mütter fuhren noch bis Stuttgart mit, wo Frau Direktor (Dr. Kranz) und Fräulein Heymann uns verabschiedeten und uns viele guten Wünsche mit auf die Reise gaben.

… um ½ 3 Uhr nachts kamen wir in Aachen, der letzen deutschen Station an. Unsere Pässe wurden kontrolliert, nach Devisen und Gepäck wurden wir befragt. Doch mit dem Zauberwort ‚Schüler’ kamen wir überall unbehelligt durch, samt den Fotoapparaten, die wir doch so gut brauchen konnten … mit einem eigenartigen Gefühl fuhren wir zum ersten Mal über die deutsche Grenze.

… mit der Sprache war es überraschend gut gegangen. … mit Valerie verstand ich mich gleich sehr gut … ihr Vater half mir immer sehr nett beim Sprechen, verbesserte meine Ausdrücke und meine Aussprache. Doch an diesem ersten Abend konnte ich nicht mehr viel denken und schlief sofort ein.

… die ersten Tage brachte ich längst nicht alles hinunter und hatte andauernd Herzklopfen von dem starken Tee und Kaffee, den es immerfort gab.

… Die Mädchen wechseln die Schuhe, so dass der Boden überall sauber und trocken ist. Im Zimmer der Rektorin Dr. Anderson saßen wir sogar auf dem Boden. Jede von uns bekam einen Prefekt zugewiesen, die uns herumführten und zu den Andachten am Morgen mitnahmen. Dann gab uns Dr. Anderson liebenswürdigerweise Taschengeld, und wir durften angeben, welche Stunden wir besuchen wollten.

… Nach der Andacht waren wir in ‚Current affairs’ der upper 6, wo eine Diskussion stattfand über die Farben der Entrancehall, die neu gestrichen werden sollte. Es gefiel uns sehr, dass hier Schüler herangezogen werden, sich dafür interessieren und das Schulhaus achten, was dort keine Kunst ist!

… nach der Andacht sangen wir in der ‚hall’ deutsche Lieder. Am besten gefiel Dr. Anderson ‚Der Mond ist aufgegangen.’ Die Mädel waren immer sehr erstaunt, wenn wir ‚went into harmony’, d.h. zweistimmig sangen.

… auf dem Trafalgar Square fütterten wir Tauben und Mr. Munro ließ uns fotografieren.

… wir besuchten den Tower, wo wir die Waffensammlungen und Kronjuwelen besichtigten. Wenn man die gesehen hat, weiß man erst, was Gold, Silber und Juwelen sind!

… das Schönste an dieser Reise war die Fahrt durch die Vollmondnacht am Rhein. Wieder waren wir um 1 Uhr am Kölner Dom, wo groß und still der Mond zwischen den Türmen stand. Leider mussten wir in Frankfurt den herrlichen Zug verlassen und den letzen Teil der Reise in einem heißen, unbequemen, polnischen Wagen fahren, so dass wir froh waren, dass nach diesmal nur 25 Stunden die Fahrt ein Ende hatte.

… Wir kamen am Freitag, den 4. 11. (1949) um 11 Uhr in Ludwigsburg an, und damit war unsere Englandreise beendet.

… Die Erinnerung an dieses einzigartige Erlebnis, das uns so unverdient zuteil wurde, wird uns unser ganzes Leben begleiten.

Partnerinnen des ersten Austausches

1949

 

   

Mary O. Tschuy

Ruth Heinzelmann (Mitte)

 

 2009

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ruth Schwarz geb. Heinzelmann

 Aus einem Gespräch mit Ruth Schwarz im März 2009:

 … Vor der Fahrt nach England beauftragte mich Frau Dr. Kranz mit der Besorgung aller nötigen Papiere beim englischen Konsulat in Stuttgart. (Jeweils in 4-facher Ausführung: Visum, Passbilder, polizeiliches Führungszeugnis, amtsärztliches Zeugnis)

 … Die Überfahrt auf dem Ärmelkanal war stürmisch, Windstärke 11. Noch zwei Tage danach hatten wir ein schwankendes Gefühl.

 … Die Gastfamilie, bei der ich untergebracht werden sollte, sagte kurzfristig ab, weil sie doch kein deutsches Mädchen beherbergen wollten. So nahm mich die Familie Margaret Baileys auf. Sie war Prefect und sehr verantwortungsbewusst. Bis heute habe ich Kontakt zu ihr. In späteren Jahren verbrachten wir ein paar gemeinsame Tage an der Ostsee mit unseren Männern und Kindern. Jedes Jahr zu Weihnachten schreiben wir uns und schicken ein Päckchen.

 

                                                           Margaret Bailey und Ruth Schwarz 1976

 

 

                                                                      Christmas Card von Margaret Bailey 2008

 … Nicht nur bekam ich als einzige meiner Klasse ein Jahr länger Hooverspeisung, weil ich so dünn war, auch in Margarets Familie bekam ich als einzige morgens ham and egg.

Sie brauchten für mich natürlich extra Lebensmittelkarten.

 … Ich erinnere mich an einen Musicalbesuch. Im Anschluss daran stand das Publikum auf und sang: God Save the King*.

 … Jeden Montagmorgen waren die englischen Mädchen frisch gewaschen und gebügelt. Der Schmutz der Großstadt hing in den Krägen unseren weißen Blusen.

 … Sprachlich habe ich viel profitiert. Unsere Englischlehrerinnen, ausgebildet im Krieg, hatten keinen Kontakt mit Muttersprachlern. Auch heute noch lese ich gerne englische Literatur.

* George VI. – Vater von Elizabeth II.

Partnerinnen des Austausches

 

 1950  2009
   
 Brigitte Kiesel geb. Leibersberger

und Gillian Roberts (Mitte)

mit Schwester Celia

 Brigitte Kiesel und Gillian Evans

 Auszüge aus dem Reisebericht von Brigitte Kiesel (1950):

… was mir in allen Städten auffiel und mich tief erschütterte, waren die vielen Ruinen überall. Wir fuhren zum Teil mitten durch die Städte und es war aber auch keine, die nicht zerstört wäre. In all diesen Städten wurde noch nicht so viel aufgeräumt wie in Stuttgart.

 … und diese Rolltreppen, einfach fabelhaft! Ich wusste überhaupt nichts davon! Ich stand auf einer Platte und plötzlich fing es an zu rollen! Und da war eine Treppe! Ich fiel vorwärts auf einen Mann, es war sehr lustig. Aber das nächste Mal kann ich’s bestimmt.

 … Kew Gardens ist eine riesengroße Parkanlage … Es war eine Pracht an Blumen und erst der Duft, ich habe noch nie etwas Feineres gerochen. Ich glaube, die Engländer hier haben einen besonderen Trick, gerade solche Blumen zusammenzutun, die am besten zusammenharmonieren in ihrem Duft.

 … Jetzt ist dann bald Zeit zum Tee, bei dem uns eine Lady besuchen wird. Eine sehr nette, alleinstehende Dame. Nächstes Jahr will sie mit dem Auto durch Deutschland fahren. Spricht auch etwas deutsch, aber fürchterlich.

 … Jetzt kenne ich ziemlich viele Mädchen in der Schule und unsere Pausen sind immer sehr lustig. Heute spielten wir wieder ein deutsches Spiel, ‚Spitz, pass auf!’, an dem sie sich nicht satt spielen können.

 … nur mit dem Tee war es etwas kompliziert. Er brauchte ungefähr zwei Stunden wegen des Gasstreiks, der nun schon 14 Tage dauert.

… nach der Schule um ½ 4 Uhr waren alle englischen und deutschen Mädchen zu einer Party der Prefects eingeladen. Letztere sind von den Schülern und Lehrern gewählte Mädchen der Schule, die zwischen den Lehrern und Schülern stehen. Sie haben eine Menge Arbeit zu tun. Jede Prefect hat eine Klasse zu betreuen, eine hat alle Konzerte der Schule unter sich, die andere führt die Library, eine andere ist zuständig für die Schuluniform usw.

 … Nach dem Dinner gingen wir in das am schönsten eingerichtete Kaufhaus, das ich je gesehen habe. Die Wände und Säulen, alles aus altem, schweren, geschnitzten Eichenholz, der Boden belegt mit grünem Teppich, helle, blassgrüne Beleuchtung…

 … Heute Abend ist eine wichtige Entscheidung über die Verstaatlichung des Stahls. Es ist fraglich, ob die Labour Party an der Regierung bleibt oder nicht. Sieben von ihren Parlamentsmitgliedern sind nämlich krank.

 … Dr. Anderson ist eine reizende Frau, sie hat eine so nette Art, sich an andere anzupassen. Übrigens hat sie uns alles bezahlt.

 … Morgen früh um ½ 10 Uhr am Viktoria Station und dann geht’s heim. Aber alles wunderbare, das wir erlebten, können wir ja mit uns nehmen. Ich glaube, auffallen wird’s uns erst daheim.

 Partnerinnen des Austausches

 

 1955  2009
 Juliet Hatherly und Barbara Kegel  Barbara Rall geb. Kegel und Juliet Reeve geb. Hatherly

 Auszüge aus dem Reisetagebuch von Barbara Rall (1955):

… Dann trieben wir auf Fräulein Dr. Gönnenwein’s Geheiß Erdkunde, suchten in Belgien Schutthalden, Fördertürme, von denen nur einer zu sehen war, achteten auf Hausformen und Ackerbau.

 … Jetzt kam die Schwimmstunde. Ich musste zuerst einen Test machen, wie alle Deutschen, um allein schwimmen zu dürfen. Zwei Längen und ein Sprung ins Tiefe.

 … Anschließend war Dinner in der Kantine. Es gab Fleisch (ganz gut), Kartoffeln (waren immer gut), Salat (Wasserkresse = Unkraut), Pudding (gut).

 … Im House of Lords bin ich auf einer Bank gesessen, im House of Commons ist es verboten, zwischendurch ging mal der Lord Chancellor an uns vorbei.

 

 … In der 2. Stunde war Deutsch bei Miss Senator. Sie lasen die Harzreise von Heine. Wir Deutschen lasen vor.

 … Danach gingen wir in den Lateinunterricht. … Es war nicht schwer, aber wir mussten sofort ins Englische übersetzen.

 … Anschließend war Schauschwimmen des Lehrerkollegiums. Zuerst schwammen zwei Reihen um die Wette, die einen Lehrer, die anderen Prefects. Dann kamen alle in langen Nachthemden. Auf der einen Seite lagen Regenschirme, auf der anderen Kerzen mit Streichhölzern. Bei den Regenschirmen mussten sie per Startsprung hinein, Kerzen auf der anderen Seite anzünden und zurückbringen übers Wasser. … Dann durften die Zuschauer Geld ins Wasser werfen, das von den Lehrern gefischt werden musste.

 

   

Frl. Schmidt beim Wassersprung und beim Schwimmen mit Regenschirm und Kerze

 APRIL 2009 VISIT TO LUDWIGSBURG GOETHE GYMNASIUM

A Celebration of 60 years of school exchange with North London Collegiate School

 Good afternoon everyone. I am so pleased to be part of this celebration. Barbara and I have been friends for so long, enjoying visits to each others families, learning about each others country, customs and language. I wish that I was better at speaking German.

My first visit was so long ago, but I do have memories about staying in Barbara's home in Ludwigsburg with her, her mother, and two sisters and also at that time three other people had rooms in the flat. These people had been refugees from the war. I remember that we had baths once a week, when a fire was lit under the water tank in the bathroom, to have enough hot water. Food was not plentiful then. I took coffee as a gift, as it was not possible to buy proper coffee then.

With the family, we made several local visits including to Favorite Schloss, and Schloss Mon Repos, always on foot. I don't remember the main Ludwigsburg Schloss then, so 1 think it can't have been reopened then, after the war. 1 have been there on subsequent visits to Ludwigsburg.

We have enjoyed music together, going to concerts, and playing the piano. Walking in the countryside, and talking about the wild flowers, and visiting places of interest is also something we have shared.

Nowadays we can communicate by telephone and e-mail, and a flight from London to Stuttgart only takes an hour and a half.

Thank you for inviting me today.

(Juliet Ellins (formerly Reeve) nee Hatherly)

Partnerinnen des Austausches 1959

 1960  2007
   

 Elfriede Mayer geb. Reinhardt

und Jacqueline Wormald 1960

      Jacqueline Mee geb. Wormald und Elfriede Mayer 2007

 

Aufzeichnungen eines Gesprächs mit Frau Elfriede Mayer geb. Reinhardt am 2. Juni 2009

 Frau Mayer würdigt mit großer Dankbarkeit die damalige Schulleiterin, Frau Dr. Sappert, der allein sie die Teilnahme am Austausch 1959 verdankt. Sie wählte die Teilnehmerinnen aus und fand, so im Falle von Frau Mayer, Wege, diese Reise, inklusive Mantel von C&A und Gastgeschenk, zu finanzieren. Sie sorgte mit empathischem Gespür dafür, dass die Austauschfamilien zusammenpassten, was sich in ihrem Fall als besonders wichtig herausstellen sollte, was Frau Mayer erst fünfzig Jahre später überraschend erfuhr.

Sehr unkompliziert, anders als sie befürchtet hatte, ging es in der Familie Wormald zu. In ihrer Not, gleich bei der Begrüßung nach der Toilette fragen zu müssen, behalf sie sich mit: „May I spend a penny?“, wie sie es im Englischunterricht gelernt hatte. Daraufhin brach ihre Gastfamilie ob dieser komplizierten Formulierung in schallendes Gelächter aus, half ihr aber schnell und das Eis war gebrochen.

 

Familie Wormald – links Jacqueline

 Ihre Mutter hatte ihr zuviel belegte Brötchen für die Reise mitgegeben. Diese wollte sie in den folgenden Tagen aufessen. Herr Wormald aber servierte ihr Tee und Porridge ans Bett und entschuldigte sich, die altbackenen Brötchen nachts der Salami wegen alle verzehrt zu haben. Danach gab es für alle erst noch einmal - heiter gestimmt – ein frisches Frühstück.

 Fasziniert war Frau Mayer vor allem von den Wohnverhältnissen in Hampstead Heath – rosa Kacheln und schwarze Hochglanzarmaturen im Badezimmer - und von den kulturellen Ereignissen, zu denen die hoch gebildeten Gasteltern ihr Zugang verschafften: Marcel Marceau, Musical, Oper, Kino, Konzert. Jahre später noch rezitierte Mrs. Wormald aus ihrem großen Fundus deutsche Gedichte auswendig.

 Als Jacqueline, ihre Austauschpartnerin und Einzelkind, ein Jahr später zum Gegenbesuch nach Ludwigsburg kam, war es vor allem das Familienleben, die beiden Schwestern und die gastfreundliche Mutter, woran Jaqueline besonderen Gefallen fand.

 Als Studentinnen wanderten sie gemeinsam durch Cornwall bzw. den Schwarzwald. Der herzliche Kontakt hatte sich schnell auf beide Familien, Eltern und Geschwister ausgedehnt.

Mrs. Wormald sprach fließend, aber ungern deutsch.

 1966 waren Frau Mayer und ihre Schwester zur Hochzeit Jacquelines eingeladen. Die Schwester, angehende HHT-Lehrerin, verköstigte die englische Festgemeinschaft mit Käsekuchen und Schinkenpastete, home-made.

 

In hohem Alter entschloss sich Jaquelines Mutter bei einem Besuch der Mayers in England, anhand eines Albums ihre wahre Biographie zu offenbaren: Als Tochter eines jüdischen Wiener Professors war sie 16-jährig mit ihrer Schwester durch einen Kindertransport nach England dem Holocaust entkommen.

Damit war das Rätsel ihrer deutschen Sprache bedrückend gelöst.

Aus einer email von Jacqueline Mee, geb. Wormald,

Juni 2009:

 It is certainly interesting to think that Elfriede and I have been friends for such a long time.

I must tell you that I did not study the German language whilst at school.

I knew a few words and understood some German if spoken very slowly. When the Exchange was being organized for students in my year at school, there were a few places available and all girls in the Sixth Form were asked if they would like to go an the exchange.

I jumped at the opportunity and was delighted to be paired with Elfriede and the Reinhardt family. All three sisters spoke excellent English, so I had no worries. Elfriede's parents did not speak English and so I had to try my few words of German with them. On days when I was alone with Mutti Reinhardt she talked to me and I learned a lot from her, particularly concerning food, shopping and cooking. She took me to the Baker's, to the Butcher's and also to Ludwigsburg Market for fruit and vegetables.

I had a very happy time in Ludwigsburg. Elfriede and I have seen each other many times since those first exchanges and we continue to be good friends. My husband and my parents were able to visit Ludwigsburg, with me, in 1969 and the whole Reinhardt family looked after us so well, giving up their own rooms for us to stay in.

I am sending some attachments! My husband has scanned in some pages from my Scrapbook.

 

The first one shows the letter which my school sent out to the exchange participants. We travelled overnight by train and the fare was 8.13 Pounds.

 

 The second shows the documentation I was given to allow me to attend Goethe-Gymnasium.

 

The third is, I believe, a newspaper cutting describing the reception which your Mayor gave us in the Town Hall in Ludwigsburg.

 

The last is my record of the wonderful meals which Frau Reinhardt provided during my stay. One of my favourites, even today, is Fleischsalat - we don't have it in England.

None of us had a car in 1960/61, we used trains and buses in London and trains, buses and trams in Ludwigsburg and Stuttgart.

 On 12 April 1961 I was taken to the Stuttgarter Liederhalle (I seem to remember it was quite newly built). The Concert ticket cost 1 DM.

We heard Das Südfunk-Sinfonie-Orchester play Vivaldi: “Der Frühling” aus den “Vier Jahreszeiten”, Malipiero: “Konzert für Violoncello und Orchester”, Mainardi: “Elegie für Violoncello und Streichorchester” - the soloist was the composer Enrico Mainardi, Berlioz: “Phantastische Sinfonie” - one of my personal favourites.

 I have the original programme of the Concert, my memory is not that good!!

 Yours sincerely

Jacqueline Mee (née Wormald)

Partnerinnen des Austauschs 2004

Meredith Willis (genannt Molly) und Susanne Kreuser

Mai 2008, mein Abitur am „Goethe“  war so gut wie geschafft und die Vorfreude auf meinen Freiwilligendienst in England ging los. Da kam der Brief: „Susi, du bist bei uns zu jeder Zeit willkommen, ob du in London arbeitest oder nur ab und zu nach London fährst, um das Leben in der Hauptstadt zu genießen. Für dich als Ersatztochter würden wir gerne ein Zimmer und einen Schlüssel bereit halten, damit du uns nach Belieben besuchen kannst!“

Absender waren keineswegs Verwandte oder alte Freunde meiner Eltern, sondern Susan, meine Gastmutter vom Schüleraustausch 2004! Während ich mich schon vorm inneren Auge beim Sightseeing, Shopping und Partying in der Metropole sah, war meine Mutter beruhigt, dass ihr „Susile“ im fremden Land gar nicht so ganz allein neu starten muss.

Das Angebot haben wir dann auch wahrgenommen- sogar die ganze Familie plus Cousin durften zu Besuch kommen und waren beeindruckt von Susans unglaublicher Gastfreund-schaft: Warmgehaltenes Essen, als die Tube Verspätung hatte, am Regentag rausgelegte Schirme und ein Stadtplan mit Markierung der angedachten Ziele!
Aber wie kam’s, dass der Kontakt über Jahre hinweg hielt? Zuerst einmal war die Zeit des Austausches selber richtig toll: Wenn ich mein altes Fotoalbum durchblättere, sehe ich nur fröhliche Mädchengesichter: Engländerinnen ohne Mantel im Schnee im Schwarzwald und Deutsche ohne Schuluniform bei der morgendlichen Schulversammlung in der North London Collegiate School, alle zusammen vor dem Pinguingehege in der Wilhelma, beim Stocherkahn fahren in Oxford und beim Abbalieder singen nach dem Musical. Die ganze Gruppe hatte sehr viel Spaß zusammen, aber in unsere Abschiedsbriefe schrieben wir beide, Molly und ich: „You are the best exchange ever!“ Wir waren einfach irgendwie auf derselben Wellenlänge, konnten sowohl Quatsch machen, als auch über das reden, was uns beschäftigte und fühlten uns in der jeweils anderen Familie sofort wohl!

Natürlich ist es schwer, danach in Kontakt zu bleiben, aber wir haben nie ganz aufgegeben und wer kann schon sauer sein, wenn er eine E-Mail mit dem Betreff „Guten Tag mein Schatz“ bekommt, die so beginnt: „Hallo Susi!!! Ich bin eine schisse Austauschpartnerin - ich habe seite....MONATE nicht geschrieben.“?

Außerdem gab es bald ein Wiedersehen: Susans Besuch in Deutschland bei Freunden in Baden-Baden und zufällig auch Ludwigsburg stand an und beim sonntäglichen Spätzle-Essen war das Austausch-Dreamteam wieder vereint und auch unsere Eltern lernten sich kennen und verstanden sich sehr gut- nicht zuletzt, weil Susan zwar die typisch amerikanische Offenheit und Herzlichkeit in Person ist, aber, wie nicht unbedingt alle ihrer US-Mitbürger, eine sich sehr für andere Länder, Kulturen und Sprachen interessierende Bush- und Kriegsgegnerin ist!

Dieser geglückten Familienzusammenführung folgte dann eine Weihnachtsüberraschung: Ich durfte noch mal nach London fliegen! Da Molly meinte, sie wünsche sich nichts anderes, als dass ich sie besuchen kommen dürfe, haben unsere Eltern hinter unseren Rücken alles organisiert und wie erwartet hatte ich bei den McFaddens einmal mehr eine tolle Zeit!

Molly studiert jetzt zwar in Kalifornien, ist aber gerade für ein Semester in Oxford, sodass wir hoffentlich diesen Sommer unsere Geburtstage zusammen feiern können.
So ein Schüleraustausch ist immer etwas Schönes, umso mehr, wenn er einem Freunde mit offenen Türen in anderen Ländern beschert!

 

Founder’s Day

 

Feier des 60-jährigen Jubiläums des Schüleraustausches am 3. April 2009 in London 

 

von links nach rechts: Brigitte Kiesel, Valerie Munro,

Frau und Herr Boomgaarden (Deutscher Botschafter in London),

Bernice McCabe (Headmistress NLCS),

Wolfgang Medinger (Schulleiter Goethe-Gymnasium),

Inge Haußmann, Adelheid Paret und Enid Ellis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © Katharina Küßner / Dr. Werner Heil

Goethe-Gymnasium

71638 Ludwigburg