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Marschgepäck Latein 

 

Ein römischer Legionär war schwer bepackt, allein circa 7kg persönliches Gepäck an Kleidung und Schuhen sowie 8,5kg Grundnahrungsmittel wie Speck, Käse, Getreide und Geräte für die Nahrungszubereitung musste er außer Waffen und Werkzeugen schultern – unser discipulus wird im Laufe seines Lateinunterrichts circa 1500 Vokabeln Grundwortschatz, Deklinationen, Konjugationen und vieles mehr schultern müssen.

Manch einer wird fragen: „Wozu? Welche Funktion soll Latein im Zeitalter der Globalisierung noch haben, sollen unsere Schüler in einer Kommunikationsgesellschaft nicht besser Französisch, Italienisch oder Spanisch lernen? Was nimmt ein Lateinschüler aus seinem Unterricht mit?“

Zunächst einmal sind Sprachgefühl, Stilsicherheit, Durchdringen von Texten anzuführen. Latein stärkt entscheidend die Lern- und Lesefähigkeit. Das genaue Lesen und Erschließen eines Textes, das sogenannte mikroskopische Lesen, das auch in der Pisastudie getestet wird, fördert der Lateinunterricht. Schüler schätzen ferner an Latein, dass sie dadurch ihren Wortschatz im Deutschen erweitern, Fremdwörter leichter ableiten, die deutsche Grammatik besser verstehen und die Strukturen der romanischen Sprachen schneller erlernen. Die hohe Sprachkompetenz, die der Lateinunterricht vermittelt, wird an unseren Erfolgen beim FAZ Projekt „Jugend schreibt“ deutlich. Bundesweit nehmen jährlich über 2000 Schüler teil, die selbst für die FAZ Artikel schreiben, die einmal wöchentlich auf der Seite „Jugend schreibt“ veröffentlicht werden, die besten Autoren erhalten ein Stipendium. Zwischen 2006 und 2016 erhielten fünf Goetheschüler, die mit ihrem Deutsch- Ethik- oder Lateinkurs teilnahmen, diesen FAZIT-Preis, alle Preisträger waren Lateinschüler!

Schüler schätzen jedoch außerdem die Inhalte des Lateinunterrichts, wenn Senecas Definition eines geglückten Lebens erörtert wird, werden auch individuelle Werte hinterfragt und gefunden. Es sind aktuelle Fragen wie wahre Freundschaft, richtiger Umgang mit Fremden, für die uns die Antike eine mögliche Antwort bietet und somit eine Brücke über zwei Jahrtausende schlägt. Gerade in einem geeinten Europa wird Latein wieder als Fundament der europäischen Kultur wahrgenommen oder um es mit Prof. Kipf, einem deutschen Altphilologen, zu formulieren: „Latein ist der Schlüssel zur europäischen Geschichte und Kultur.“

Unsere europäischen Wurzeln beziehen wir Lateinlehrer möglichst oft in den Unterricht ein; wir besuchen Ausstellungen zur römischen Kulturgeschichte, fahren mehrtägig nach Trier und als Höhepunkt bieten wir in der Kursstufe eine Studienfahrt nach Rom an.

Die Gepäckstücke unseres discipulus sind also vielfältige, wertvolle, teilweise sogar lebenslange Begleiter.

Angela Dietrich